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Südtiroler in der Waffen SS

September 13, 2016

Am 06. April 2016 luden Diverkstatt, die Stadtbibliothek Bruneck und das Stadtarchiv Bruneck zur Buchvorstellung „ Südtiroler in der Waffen-SS“ mit dem Autor Thomas Casagrande.
Er ist damit groß geworden. Schon als Thomas Casagrande klein war erzählte sein Vater ihm voller Stolz von der Waffen-SS und davon, dass er Freiwilliger war. In seiner Kindheit war es wohl etwas Selbstverständliches und all diese Geschichten hatten für ihn etwas Abenteuerliches, ja gar etwas Heldenhaftes an sich.
1990 starb sein Vater bei einem Veteranentreff der Waffen-SS an plötzlichen Herzversagen und Casagrande wurde klar, dass er mehr über den Mann erfahren wollte, der sich mit 19 Jahren in Neumarkt freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. Wer war er? Wie erlebte er den Krieg? Was war seine Motivation?
Er beginnt ein Buch zu schreiben. Ein Buch welches die Geschichte von zwei Seiten betrachtet. Er beschreibt seine persönlichen Erfahrungen, sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, die Vergangenheit seiner Familie und er beschreibt die vielen Recherchen in deutschen und italienischen Archiven und leistet somit einen wesentlichen Beitrag zur geschichtlichen Forschung über die Waffen-SS in Südtirol.
Nach vielen Stunden im Landesarchiv von Innsbruck gelingt es ihm alle militärischen Suchkarten aus der damaligen Zeit zu sichern. Eine Liste, 2.000 Namen, schwarz auf weiß. Darunter auch sein Vater: Otto Casagrande SS-Untersturmführer.
Auch wenn die Liste nicht ganz komplett ist kann man mit seiner historische Studie belegen, dass bis Kriegsende schätzungsweise 3.500 bis 5.000 Südtiroler in die Waffen-SS einrückten. Diese Zahl mag auf den ersten Blick gering erscheinen, setzt man jedoch die Anzahl der SS-Freiwilligen in Bezug zur Einwohnerzahl und vergleicht die Zahl mit anderen volksdeutschen Ländern erkennt man, dass die Rekrutierungsquote der Südtiroler in der Waffen-SS überproportional hoch ist.
Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der Ruf der Waffen-SS als „Elitetruppe“. Die Aussicht auf bessere berufliche Chancen und das Bestreben, dem italienischen Wehrdienst zu entgehen.
Die Beeinflussung vom Faschismus war sicherlich der wohl häufigste Beweggrund für die Freiwilligenmeldung. So entschieden sich überdurchschnittlich viele junge Männer für die Waffen-SS in Städten wie Bozen und Meran, da diese besonders stark von der Italianisierung betroffen waren.
Casagrandes Buch und seine Studie sind wichtig. Sie sind wichtig, weil sie ein noch nie dagewesenes Kapitel in der Geschichte Südtirols öffnen. Ein Kapitel welches auch auf der politischen Ebene für viele Jahre geschlossen blieb – die geschichtliche Aufarbeitung vom Faschismus in Südtirol.
Sein Werk ist ein Neuanfang, ein Neuanfang im Sinne von „Endlich wird darüber gesprochen“. Um in die Zukunft zu schauen müssen wir damit beginnen. Wir müssen das Gespräch suchen und uns von einigen vergangen Geschichten und Vorurteilen trennen um zu verstehen wie schön unser Südtirol von heute ist. Ein Südtirol voller ethnischer Vielfalt. Ein Südtirol welches die Brücke zwischen der deutschen und italienischen Kultur und Sprache bildet.